In eigener Sache | Iran muss sich entscheiden. Wir auch. Eine Replik

Beitragsbild von hjrivas auf Pixabay

Es ist der 8. Januar 2020, mein Mann und ich sind mit den Katzen im Urlaub am Ijsselmeer, in jener Ferienanlage, die uns schon zur 2. Heimat geworden ist.

Wir warten darauf, unsere Neuzugänge, Ur-Ur-Ur-Großenkel von unserem Björn zu übernehmen, genießen die Ruhe (vor allem, nachdem „die Jugend“ in Form von unserer Großen und dem Jüngsten nach dem verlängerten Wochenende heimgefahren sind) – und dann ist da plötzlich ein Geräusch in der abendlichen Stille am Ijsselmeer, das wir so nicht kennen:

Montagabend ca. von 21:00 bis 21:45 endlose Konvois von Hubschraubern, begleitet von einzelnen Jets. Am gestrigen Dienstag dann ab 18:00 weit über eine Stunde Flugzeuge in ebensolchem Ausmaß, ohne Unterlass von Nordwesten nach Südosten fliegend.

Auf Twitter fand ich den folgenden Eintrag, der zeitlich und räumlich passt:


https://twitter.com/is_keelu/status/1214240015540195329

Und mache mir meine Gedanken …
Dass dies in Zusammenhang stehen kann mit der Ausschaltung des iranischen Terror-Generals und der militärischen Antwort ist gut möglich, vielleicht aber auch nur ein ganz normales Manöver?

Mein bester Freund schreibt mir Kurznachrichten aus der Heimat, macht sich Sorgen um islamistische Attentate und den Ausbruch eines Krieges, der die ganze Welt erfasst. Steht so auch in großen Nachrichtenmagazinen.

Ich denke mir meinen Teil, bin ja ein gutes Stück älter als mein Freund und habe schon ein paar mal öfter gelesen, dass der 3. Weltkrieg unmittelbar bevorstünde. Schließlich bin ich, 1968 geboren, ganz unter der schwelenden Ost-West-Konfrontation aufgewachsen. Sowohl die Sowjets als auch die US-Amerikaner hätten beim nuklearen Overkill jeder von sich die Welt mehrfach in die Luft jagen können.

Dass sie es nicht taten, lag wohl hauptsächlich daran, dass Sting recht hatte mit seiner Hoffnung, dass »die Russen ihre Kinder auch lieben«. Ebenso, wie es die Amerikaner taten.

Dann lese ich Dushan Wegners heutigen Essay zur aktuellen Lage. Ihn scheinen ähnliche Gedankengänge umzutreiben wie mich:

 Dushan Wegner


»Menschen wollen, was Menschen wollen«, das klingt banal und tautologisch, ich weiß, doch manche Ideologie und nicht wenige Unternehmen sind daran gescheitert, dass sie ignorierten, was die Menschen wirklich und tatsächlich wollen.

Die Sowjetbürger in den 80ern wollten, dass ihre Kinder in Frieden und Freiheit leben können, die DDR-Bürger wollten das, die Bürger der osteuropäischen Staaten.
Aus diesem Grund scheiterten die auf der sozialistischen Ideologie basierenden Staaten.

Dushan Wegner


Die Welt ist eine andere, als in den ersten Jahrzehnten des Nahostkonflikts. Das Internet bringt nicht nur Informationen in andere Länder, sondern auch Lebensgefühle. Die Mullahs stehen für Religionspolizei und kulturelle Starre. … Doch in all der Zeit lebt und brodelt die Sehnsucht in den Menschen, fröhlich zu konsumieren, unterhaltsame Filme zu schauen, leckeres Essen zu essen und mit immer neuem elektronischem Spielzeug zu spielen. … 
– und – 
Im Iran und anderen Ländern finden sich gelegentlich Menschen, die »Death to America« brüllen. Aber, … Wenn man in diese Menge hinein ginge, mit einem Stapel von Greencards in der Hand, und fragte, wer mit seiner Familie in die USA auswandern wolle, dann wären die Formulare in Sekunden vergriffen, mit Freudentränen benetzt und mit glücklich zitternder Hand sorgfältig ausgefüllt.

Ein schönes Bild, das Dushan Wegner da zeichnet.
Es erinnert an die Bilder der iranischen Frauen, die befreit vom Kopftuch und Tschador seltene – und brandgefährliche – Momente der Freiheit auf den Straßen von Teheran und der anderen, westlich geprägten Metropolen Irans genießen:

Bild von rezasaad رضاصاد auf Pixabay

Man nickt und ist bereit zuzustimmen, auch dann

wenn Dushan Wegner weiter schreibt:


Das Internet selbst ist eine Erfindung der USA. Man filmt und postet Fotos auch im Iran mit Smartphones, und zwar nicht mit welchen aus iranischer Produktion. Der Iran tweetet auch auf Englisch, damit die Welt es liest. Damit akzeptiert es mit jedem Tweet aufs Neue die kulturelle Dominanz der USA. 
Amerika wird diesen Konflikt gewinnen, und zwar nicht nur durch die geradezu absurde Überlegenheit seiner Waffen. Amerika hat den Krieg schon gewonnen, und zwar kulturell. 

Nicht nur Smartphones und Twitter, kulturelle Errungenschaften der USA, werden im Iran genutzt. 
Wo wären denn die Arabischen Staaten heute, gäbe es nicht Millionen von Erdöl-durstigen Automobilen (wer hat’s erfunden?) auf den Autobahnen der Welt und in ihren Dünen?

Ja, angesichts der Verbreitung westlicher (Kultur)Technik könnte man meinen, der Westen habe einen kulturellen Siegeszug angetreten in die muslimisch-arabische Welt

Dushan Wegner schreibt ja auch


Der Iran hat ja schon einmal Freiheit geschmeckt 

Gut, und die anderen arabischen Staaten kennen es vielleicht ja nicht anders, haben niemals Freiheit kennengelernt.

Aber andererseits: 


Bild von lbokel auf Pixabay

Weshalb legen Frauen – wie obiges Foto deutlich zeigt – Smartphone hin, Motorboot her, ihre kulturelle und misogyne Uniform selbst in Ländern nicht ab, wo sie sich durch die übermäßige Verhüllung auffallend (und negativ) von der umgebenden Bevölkerung abheben?

Ist die „Attraktivität von Konsumkultur“ wirklich „stärker denn je“?

Ja – betrachtet man den Wortbestandteil „Konsum„. Die Attraktivität der westlichen Güter werden zuhauf in den muslimischen Communities geschätzt. Neben moderner Elektronik und Technik auch alkoholfreier Champagner, halal Pralinen und Hidjabs von Dior. 
Man gönnt sich ja sonst nichts.

Aber der Wortbestandteil „Kultur„?

Das wage ich – leider – zu bezweifeln. Denn wo hat man mehr Freiheit als in den westlichen, europäischen und amerikanischen Staaten? Wo sonst wird dem Individuum neben Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau ermöglicht? 

Und hier haben wir schon das erste Problem: Was ist mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau, wenn nur Frauen ihr Haupt und Haar verhüllen, um züchtig und ehrbar zu sein nach dem kulturellen Verständnis einer frühmittelalterlichen Wüstensippe?

Wo bleibt die freie Entfaltung der Persönlichkeit, wenn den Mitgliedern der Expat-Communities im Westen keine Wahl der religiösen Überzeugung geschweige denn der freien Partnerwahl gelassen wird im Sinne der mitgebrachten Kultur?

Und zuletzt, was ist das Recht auf körperliche Unversehrtheit wert, wenn selbst der deutsche Bundestag im Kotau vor den Forderungen eines imaginären Freundes die Verstümmelung der Genitalien von Kleinkindern erlaubt?

Was ist das überhaupt für eine „Kultur“, die ihren Kindern – dem Heiligsten und Kostbarsten, was wir besitzen, nämlich das Versprechen auf ein Weiterleben nach dem Tod – so etwas antut?

Lieber Dushan Wegner,
ich hoffe, Sie behalten Recht und mich straft das Leben Lügen mit meiner Schwarzmalerei. Doch ich muss leider den Bogen zurückschlagen Sting und den Russen, die erwiesenermaßen ihre Kinder liebten – und uns somit vor dem 3. Weltkrieg bewahrten.

In Bezug auf die „Religion des Friedens“ muss ich leider ein anderes Wort von der Liebe zu den Kindern bemühen


Golda Meir

Peace will come when the Arabs will love their children more than they hate us.

Wer in Europa, im Westen alle Möglichkeiten hat zur Freiheit und diese dann ausschlägt – indem er sich von den „Ungläubigen“ separiert, indem sie sich mit Kopftuch und Burkini schon von weitem optisch absondert, dem bringt man auch mit den tollsten kulturellen Erfindungen nicht bei, was unsere westliche Kultur in der Tiefe zusammenhält.

Ich denke, die Atombomben im Iran sind noch nicht einsatzbereit und hoffe, die (von mir vermutete) Intention der USA geht auf, dass der Tod des iranischen Staatsterroristen der Funke ist, der dieses innenpolitische Pulverfass hochgehen lässt.

Uns steht kein Weltkrieg mit Waffengewalt ins Haus. Das sorgt mich nicht.

Wir leben schon mitten im prophezeiten Clash of Cultures. Und ich mag Ihr Bild von den Innenhöfen, in die wir uns zurückziehen und unsere Kultur dort weiter pflegen, wie es schon vor Jahrhunderten unsere heidnischen Vorfahren angesichts einer anderen kulturellen Invasion taten.

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