#literarischerAdventskalender | Tag 10 Thordis Hoyos

 

Sobald der Körper sich bewegt, immer weiter in eine Richtung, verzieht sich der Schmerz.
Krümmt sich.
Kauert sich zusammen in dieser dunklen Ecke. Ganz tief unten im Verborgenen. Und lauert dort. Wartet geduldig. Wartet. Auf seine Zeit. Auf die Dunkelheit. In der Finsternis schürt er seine Kraft. Im Schwarz gewinnt er Energie. In der Nacht.

»Elba!« Sie kennt den Befehlston, mit dem Aris nur spricht, wenn es die Lage absolut erfordert. Ihre Hände beginnen zu zittern, sie wollen das Licht entsenden, es hinausschleudern, mit rasender Geschwindigkeit die Schwärze von innen nach außen entladen.
Jemand packt sie an den Schultern. Aris, der sich vor sie schiebt.
»Genug!«, knurrt er.
Durch seine Handflächen dringt eine Hitze, die Elba ein unerträgliches Gefühl beschert. Wärme fließt über ihre Haut. Die Sonne sprengt das Eis, ihr Innerstes zerbirst in tausend Splitter.
Vor Schmerz stöhnt Elba auf. Warum tut er das? Weshalb tut Aris ihr so furchtbar weh?
Er ist unerbittlich, schießt unablässig glühend heiße Strahlen durch ihre Haut nach innen in den gesamten Körper. Sein Blick durchbohrt sie, die Strenge in seinem Gesicht ermahnt sie.
All die Eissplitter schmelzen, verflüssigen sich und dringen nach außen. In Strömen laufen die Tränen über ihre Wangen. Die Schultern sacken ab. Schluchzend sinkt sie in sich zusammen. Bevor sie umfällt, nimmt Aris sie in den Arm. Sein Kinn liegt auf ihrem Kopf. Mit der rechten Hand streicht er ihr über das Haar, während er sie mit der linken festhält. Als sie das Gesicht an seiner Brust vergräbt, saugt sie seinen Duft ein. Und mit ihm ein Gefühl der Geborgenheit, das ihr Stärke verleiht. Auch wenn sie ihr nicht die Traurigkeit nimmt.

 

»Täubchen«, fragt Tristan, »an die Bar?«
Erst jetzt fühlt Elba den Schmerz, der von ihrem Hals ausstrahlt. An ihrem Dekolleté haftet Blut. Reflexartig betastet sie die Bissverletzung. Die rote Flüssigkeit, die an den Fingern kleben bleibt, spricht dafür, dass die Blutung nicht gestoppt hat.
»Das Loch in deinem Hals sieht unschön aus.« Tristan beugt sich zu ihr und mustert die Wunde. »Sowas infiziert sich ratzfatz, und schneller, als du bis drei zählen kannst, wächst dir eine Eiterbeule. Die perfekte Brutstätte für fiese kleine Bakterien. Die verbringen dort den Sexurlaub ihres Lebens. Und wenn sie damit fertig sind, gehen sie auf eine Sightseeing-Tour durch deinen Körper.«
Er reißt Witze, was für Elba bedeutet, dass die Lage ziemlich ernst ist. »Ein klein wenig Bewegung und die süßen Tierchen rasen durch deine Blutbahn wie Kinder auf einer Achterbahnfahrt im Vergnügungspark. Wenn sie Lust auf Zuckerwatte haben, docken sie an lebenswichtigen Organen an.« Er richtet sich wieder auf, hält den linken Arm möglichst weit von sich weg, damit das Blut nicht auf seine Schuhe tropft. Allerdings schließt die Wunde sich bereits zusehends. Deshalb legt er nach: »Die kleinen Killermaschinen tanzen durch deine Adern wie die Einwohner von San Francisco während eines Umzuges zur Wiederauflebung des Summer of Love und zu dieser Sause werden sie eine Menge Freunde einladen.«
»Schon gut, ich hab’s ja kapiert«, unterbricht Elba die bildliche Darstellung einer Superinfektion.

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