Es begab sich aber zu der Zeit …

Sehr persönliche, politische Gedanken zum 1.Advent:
Es begab sich aber zu der Zeit, da Angela Merkel Bundeskanzlerin in Deutschland war, dass es notwendig wurde, ein kleines Weihnachtswunder zu schaffen

Es begab sich aber zu der Zeit, da Angela Merkel Bundeskanzlerin in Deutschland war, dass ein Gebot von ihr ausging, auf dass alle Welt in ihr Land eingeladen würde.

Und diese Einladung war die allererste und geschah, weil die Bundeskanzlerin „ein freundliches Gesicht zeigen“ wollte (ansonsten „ist das nicht mein Land“ (1) )

So ähnlich beginnt das wohl bekannteste Märchen der westlichen Welt – ganz passend zum heutigen 1. Dezember und 1. Advent möchte ich es zitieren, auch und gerade weil ich kein Christ mehr bin.

(Foto: Didgeman @pixabay)

Gestern war ich mit meiner Tochter auf dem Heilbronner Weihnachtsmarkt. Da zeitgleich ein „late night shopping“ Event stattfand (von dem wir beide nichts ahnten), platzten die Zubringerstraßen sowie die Innenstadt aus allen Nähten.

Wir bummelten fröhlich zwischen den Ständen hindurch, kosteten und kauften leckeren Käse aus Südtirol als Mitbringsel für meinen Mann, niedliche Plätzchenausstecher, machten Selfies vorm großen Weihnachtsbaum auf dem Kiliansplatz – als ich im Weiterbummeln ein Obdachlosenlager aus Isomatten und Schlafsäcken entdeckte.

Da ich Obdachlosen immer 5 € gebe und etwas zu Essen und trinken besorge, zückte ich den Geldbeutel und sprach Tamara R.* an – optisch ein 14-15-jähriges Mädchen, das wie sonst vielleicht 2-3 Jahre alte Kleinkinder mit den Fingern an einer Käselaugenstange herumgrubbte, um Bröckchen in den Mund zu stecken. Chico*, ihr großer, wohlerzogener Wachhund scannte meine Tochter und mich genau, rückte beschützend näher an sie heran. Ich wies sie gerade angesichts der Temperaturen um den Nullpunkt auf das Aufnahmehaus (2) für Obdachlose in meiner (30 km entfernten) Heimatstadt hin, als ihr Freund dazustieß.

Im Gegensatz zu Tamara, die große Konzentrationsschwächen aufwies, machte Steven M.* einen sehr aufgeweckten, patenten Eindruck. Klar, strukturiert. Von großer Sorge um seine schwangere Freundin bewegt, nahm er die Info über das Aufnahmehaus dankend entgegen, denn in den Obdachlosenunterkünften werden sie nach Männern und Frauen getrennt – und Tamara ist nach seiner Auskunft auf sich gestellt völlig orientierungs- und hilflos.

Dieser Eindruck bestätigte sich, als ein älterer Herr herantrat, um Tamara das alte Paar Handschuhe seiner Frau zu schenken (sie hatte sich gerade neue gekauft). Tamara musste von Steven wie ein Kleinkind darauf hingewiesen werden, das Geschenk entgegenzunehmen, anzuprobieren und sich zu bedanken. Das klappte bei dem jungen Mann, der kurze Zeit später zwei Crêpes mit Schokocreme brachte, deutlich besser.

Überhaupt war ich positiv überrascht, wie viele Leute eine Spende – sei es Geld oder Essen – für die beiden in der kurzen Zeit erübrigten. Da Steven M.s Handy gerade in einem Laden aufgeladen wurde (auch das ein praktizierter Akt der Nächstenliebe) suchte ich für ihn Adresse des Aufnahmehauses und die Rufnummer des betreuenden DRK-Kreisverbands heraus. 

Steven M. zeigte sich hochmotiviert. „Wenn ich sie nur gut und sicher untergebracht wüsste“, meinte er mit einem Kopfneigen auf Tamara. „Wenn ich nicht mehr den ganzen Tag auf sie aufpassen müsste, könnte ich jede Arbeit annehmen.“ Tamara lächelte – entblößte kariöse Stummel, die wohl erklären, weshalb sie nicht von der Laugenstange abbiss): „Ich bin im Kopf wie eine 13-Jährige“, sagte sie, fummelte eine Zigarette raus und zündete sie an. „Darüber habe ich sogar ein Attest vom Psychologen.“

Angesichts der Sorge in Stevens Blick, mit der er sie dabei ansah, schrieb ich ihm noch den Namen eines Facebook-Freundes auf, für dessen Projekt einer Wärmestube für Obdachlose in meiner Heimatstadt ich schon gespendet habe, ermutigte Steven, sich dort anzumelden und in Kontakt zu treten.

Beim Rest des Bummels durch Weihnachtsmarkt und Stadtgalerie fiel es mir schwer, Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. Meine Gedanken fanden immer wieder zurück zu Steven, Tamara und ihrem ungeborenen Kind (keine Ahnung ob es von ihm ist oder von einem anderen?), die keinen Steinwurf weg von der evangelischen Kilianskirche auf nacktem Pflasterboden campieren.

Nicht einmal einen Platz im Stall weil sie sonst keinen Raum in der Herberge hatten, gibt es für diese moderne Version von Joseph aus Galiläa und Maria, seinem vertrauten Weibe, die schwanger war.

Dabei ist doch insbesondere die evangelische Kirche so höchst aktiv in Sachen „Nächstenliebe“, indem auf sie ein Großteil der 1521 bundesweiten Fälle (3) von Kirchenasyl (in 2018) entfallen, – wobei zugegebenermaßen dieses Thema laut einem Sprecher des Innenministeriums Baden-Württemberg im Land keine große Rolle spielt. „Das Instrument werde eher restriktiv gehandhabt.“ (4)

Kirchenasyl in Deutschland nimmt nicht nur für den Präsidenten des Düsseldorfer Verwaltungsgerichts „immer bizarrere Formen“ an, „wenn die evangelische Kirche einen Flüchtling vor der Überstellung an die französische Justiz schütze“, weil „dem Asylbewerber in Frankreich „Unheil“ drohe“. (5)

Sondern auch für mich, wenn die Kirche sich derart blind gegenüber den wirklichen Nächsten zeigt, indem sie sich lieber um muckibudengestählte Goldkettchen- und Markenmode tragende Über-Übernächste kümmert. Uns kamen sowohl auf dem Weihnachtsmarkt als auch im Shoppingcenter unzählige Gruppen solcher „alleinreisender junger Männer“ (5) mit sichtbarer afrikanischer, arabischer oder vorderasiatischer Herkunft entgegen, die allesamt einen besser genährten, gekleideten und fitteren Eindruck erweckten als Tamara oder selbst Steven.

Aber nicht nur die Kirche, sondern auch unsere Bundes- und Landesregierungen unter Beteiligung der Partei mit dem „C“ im Namen.

Um im „Ländle“ zu bleiben: In den Flüchtlingsunterkünften der Landeshauptstadt Stuttgart sind derzeit insgesamt ca. 6.100 Menschen wohnhaft. Jeden Monat bekommen die dort Untergebrachten 25 Kinder. (7)

Klingt nach nicht viel? Nun, die durchschnittliche Geburtenziffer in Deutschland (inkl. Migrationshintergrund) liegt bei etwa 9,6. „In diesen Unterkünften liegt die Geburtenziffer bei über 49.“ (8)

Kein Ausreißer. Man muss sich nicht einmal hin und wieder in Asylheimen aufhalten, es genügt, wenn man sehenden Auges insbesondere in Drogeriemärkten einkauft: Überdurchschnittlich viele junge Asylantragsstellerinnen haben einen Babybauch und/oder schieben einen (nagelneuen) Kinderwagen vor sich her.

Das sagen auch die offiziellen Zahlen: Laut Bundesinnenministerium wurde jeder fünfte (21 Prozent) Asylerstantrag (15.586 von 72.953) im ersten Halbjahr 2019 für ein in Deutschland geborenes Kind von unter einem Jahr gestellt (9).

Die Neugeborenen fungieren hierbei als Ankerkind: Es gestaltet sich schwierig bis unmöglich, eine Geburtsurkunde für ein in Deutschland geborenes Kind zu erhalten und dessen Staatsangehörigkeit zu klären, wenn seine Eltern keine Papiere vorlegen. Und ohne die erforderlichen Dokumente und wegen des grundgesetzlich garantierten Schutzes der Familie können diese Familien dann nicht ins Herkunftsland (Welches auch? So ohne Papiere?) abgeschoben werden.

Weder Eltern noch in Deutschland geborenem Kind wird das Aufenthaltsrecht erteilt, sie bleiben (teilweise jahrelang) im Status der Duldung (10) – erhalten aber Sozialleistungen. Zunächst nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG), nach 15 Monaten Aufenthalt Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch SGB XII in Höhe des Arbeitslosengeldes II.

Mit einer Duldung kann man an kostenlosen Kursen zum Erwerb von Grundkenntnissen der deutschen Sprache, gefördert vom Land Baden-Württemberg, teilnehmen – und sogar studieren! Ab dem 16. Monat des Aufenthalts kann der Geduldete hierbei einen Antrag auf BAföG stellen (11).

Und über die zahlreichen Hilfsangebote für schwangere „sans papiers“ ohne Krankenversicherung berichtet die Deutsche Welle in einem hochemotionalen Beitrag, schildert voll Verständnis die psychischen Probleme, bestehende gesundheitliche Probleme und versorgt die Geflüchteten, die es schwer haben, sich gesund, mit viel Gemüse und Obst zu ernähren („Das kann man nicht verlangen.“), mit Nahrungsergänzungsmitteln. (12)

Was aber ist mit Tamara und Steven?

Im Schatten des kunstvollen Renaissance-Kirchturms der Kilianskirche sind die beiden durch die Maschen des sozialen Netzes gefallen, bei dem sich der Eindruck aufdrängt, dass es zunehmend eben nicht mehr für unsere Nächsten da ist – laut Merkel, „Menschen, die schon länger hier leben“ wie Steven und Tamara – sondern für das „freundliche Gesicht Zeigen“ gegenüber jenen, „die neu hinzugekommen sind“.

Was soll ich Tamara und Steven raten, wie kann ich ihnen helfen?

Ich habe mir die halbe Nacht um die Ohren geschlagen, auf der Suche nach Ideen:

  • Schwangerschaftskonfliktberatung?
  • die beiden packen und in den Sonntagsgottesdiens der Kilianskirche schleifen?
  • Steven raten, dass er in einem der unzähligen „halal“-Shops in der Sülmerstraße einen „Instant-Hidjab“ für Tamara kauft, ihr aufsetzt und mit ihr in der nächsten Polizeidienststelle das moderne  „Sesam öffne dich“ namens „Asyl“ sagt?
  • ein Tinyhouse für sie bauen?
  • wenigstens einen gebrauchten Wohnwagen organisieren?
  • doch wo aufstellen?

All diese Gedanken haben mir die Nachtruhe geraubt, mich veranlasst, diesen Essay zu schreiben.

Eine (werdende) Familie wie in der Weihnachtsgeschichte ohne Obdach am ersten Advent – während gleichzeitig von den Abgaben jedes Nettosteuerzahlers in Deutschland sage und schreibe 16,49% in die (offiziellen) Flüchtlingskosten fließen. (13)

… das, sehr geehrte Frau Merkel, „ist nicht (mehr) mein Land“, in dem ich aufgewachsen bin. Nicht die Politik, nicht die Kirchen, nicht die Sozialverbände und nicht diejenigen, die eine Politik gegen die eigenen Leute auch noch wählen.

Aber die zahlreichen Menschen, die Tamara und Steven mit Essen, Kleidung, Geld, Strom fürs Handy helfen und geholfen haben: Ihr seid mein Land. Und auf euch bin ich stolz.

Jetzt müssen wir nur noch ein kleines Weihnachtswunder schaffen.

Wer eine Idee hat, unterstützen kann, im Ländle oder gar Raum Heilbronn wohnt: Bitte kommentiert!

Hinweis: * Namen geändert

10 Gedanken zu „Es begab sich aber zu der Zeit …“

    1. Liebe Katharina
      das hast Du gut gemacht.
      leider wohne ich in Bad Abbach bei Regensburg ; bin also leider weiter weg. würde so gerne helfen -vor allem für den Hund der so gut Wacht hält- …aber wie ? … …hätte auch ein paar Euro übrig… vielleicht hast du ja eine Idee.
      ps : mache das in Regensburg übrigens auch wie du wenn ich unterwegs bin.

      LG Albert

  1. Liebe Katharina!
    Ich wohne nicht im Ländle und ich habe dahingehend keine Connection.
    Deshalb nur ein paar Worte des Dankes.
    Wer auch immer es ist, er, sie oder es, möge seine schützende Hand über Dich und deinesgleichen halten.
    Du gehörst ebenfalls zu meinem Land in dem ich gut und gerne lebe.
    Liebe Grüße aus Wuppertal
    von Frank

    1. Lieber Frank!
      Vielen Dank für deine Worte und deine Wünsche.
      Bezüglich deiner Frage: Es sind mehrere Er, Sie und Es, die ihre Hände über uns halten.
      Die Kunst ist, sie zu identifizieren.
      Ich wünsche dir, dass es dir gelingt, und der Segen der Hohen immerfort auf dir und den Deinen liegt.
      Liebe Grüße aus dem Ländle
      Katharina

  2. Hallo Katharina und Frank,
    leider bin ich auch viel zu weit weg vom Ländnle ( aus dem Allgäu) aber ihr seid wirklich toll und bin stolz , dass es noch deutsche gibt die ein Herz für ihre eigenen Mitbürger haben .! Wünsche Tamara dem kleinen ungeborenen und Steven das beste….Gott schütze euch !

  3. Bin gerade dabei, mich selbständig zu machen. Beim Aufstellen des Geschäftsplans staunte ich nicht schlecht: Von einem Stundensatz von 45.- Euro bleiben mir am Ende ca 15.-
    Der Rest geht an Papa Staat und Sozialversicherungen.
    Eigentlich sollte ich auf meinen Stundensatz noch 16,49% „Migrationspauschale“ draufschlagen, damit jedem Kunden anschaulich wird, was ihn die „gute“ Sache kostet.

  4. Liebe Katharina, ich freu mich auch jedesmal wenn ich noch LIEBE Menschen entdecke die ihren NÄCHSTEN solidarisch unter die Arme greifen. Jawoll ihr seid mein auch mein Land. Ganz im Gegensatz zu den GUTmenschen, die sich um das Wohlergehen privilegierter WEITESTER kümmern. Und das noch nicht mal solidarisch selbst, sondern indem sie Dritten die Kosten (sowohl finanziell, als auch durch schwindene Sicherheit und sozialen Frieden) auferlegen. Der Gipfel dieser Barmherzigkeits-Heuchelei ist am Ungleichgewicht der Vertielungsorte der WEITESTEN zu sehen. Warum gibt es nahezu keine MUF/Migrantenheime in den Vierteln derjeniegen die besonders laut nach ihnen schreien? Und falls man eines dort geplant ist, dann wehren sie sich mit Händen und Füssen, faseln was von „Ersatzstandorte schaffen“ und anderen verlogenen „Wir wollen sie HIER nicht“ siehe bspw.
    https://www.youtube.com/watch?v=L2b93-9F_CI&t=5s oder
    https://www.mopo.de/hamburg/-migrantenfreie–kita-im-villenviertel-hamburgs-asoziale-eliten-31440652?originalReferrer=http://www.politikversagen.net/

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