Gastbeitrag: Die kommunizierenden Röhren

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DAS KLEINE EINMALEINS DER PANDEMIE

Erstmals veröffentlicht von Adam Goldschnitt im Dezember 2021

Teil 3: Die kommunizierenden Röhren

Teil 1: Die treibende Kraft
Teil 2: Das Bermudadreieck

Beim weltweiten Ausbruch der Pandemie in 2020 richtete sich die allgemeine Hoffnung der Völkergemeinschaft auf rasche Entwicklung der Impfstoffe, die vulnerable Menschen vor schlimmen Folgen schützen und die Gesundheitssysteme vor dem Kollaps bewahren sollten.
Es begann ein Wettlauf mit die Zeit, während dessen die gesamte Öffentlichkeit die einzelnen Phasen des jeweiligen Zulassungsverfahrens mit Spannung verfolgte.
Ende des Jahres war es so weit – am 21. Dezember 2020, um 18:30 Uhr erteilte die Europäische Kommission die bedingte Zulassung für den COVID-19-Impfstoff der beiden Unternehmen BioNTech/Pfizer.
Ein Meilenstein im Kampf gegen die Pandemie und ein Durchbruch, dem weitere folgen sollten.
Am 11. März 2021 lag die vierte und bis heute letzte Freigabe eines bedingt zugelassenen Impfstoffs gegen COVID-19 in Deutschland vor – paritätisch besetzt durch jeweils zwei neuartige mRNA- und Vektorimpfstoffe.
Die Impfkampagne nahm ihren Lauf mit optimistisch wirkenden und gelegentlich fotogenen Prominenten, die in langen Schlangen zu den neu eingerichteten Impfzentren mündete.

Rückwirkend betrachtet waren die Gründe für eine Impfung durchaus vielschichtig.
Wenn in der ersten Phase der Impfkampagne vor allem ältere und vulnerable Personengruppen angesprochen waren, so war hier der Eigenschutz das primäre Argument für die Impfung.
Mit wachsenden Lagerbeständen und sich anbahnender Urlaubszeit hat sich das Tempo bei Erst- und Zweitimpfungen schleichend verlangsamt – und das obwohl inzwischen sich das Impfangebot auf alle Altersgruppen der Ü18-Jährigen erweitert hat.
In dieser Phase waren die Gründe für eine Impfung bereits differenzierter und reichten vom Eigen- und Fremdschutz bis hin zur lang ersehnten Reise- und Bewegungsfreiheit.
Bereits ab Sommer 2021 sah sich die eine oder andere regionale Verwaltung genötigt, der Motivation für die Erstimpfung mit Bratwürsten oder anderen kreativen Werbeaktionen zu befeuern.
Was folgte waren die Verschärfungen der Regeln – zunächst für Reiserückkehrer und später für den Zugang zur Gastronomie und Kulturveranstaltungen.
Ab da war es im Wesentlichen das Umgehen der lästigen Zugangsbeschränkungen, das den ungeimpften Menschen zu ihrem ersten Piks verhelfen sollte.
Nimmt man schlussendlich die kleine, aber doch laute Gruppe der „Gutmenschen“ hinzu, die ihre Impfung mit der Solidarität mit Natur, der Welt und dem Universum begründet haben, so lassen sich die Motive der bis heute geimpften 80% der Erwachsenen in etwa wie folgt zusammenfassen:
Vulnerable, Reisefreudige, Bequeme und Idealistische.

Die verbleibende Gruppe der Erwachsenen, die allgegenwärtigen 20% oder mindestens 15 Millionen Menschen, blieb bis heute ungeimpft.
Diese Menschen lassen sich nicht in bestimmte soziale Schichten oder Altersgruppen einordnen – hier finden sich Vertreter verschiedener politischer Ansichten, unterschiedlicher Berufsgruppen und vielfältiger Lebenserfahrungen wieder.
Doch eint diese Menschen die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Eigenverantwortung und Selbstbestimmung, ihre Grundrechte und die Verfassung wahrnehmen.
Ihre Motive reichen von berechtigten Bedenken gegenüber neuartigen Impfstoffen samt möglicher Nebenwirkungen/Langzeitfolgen, über das Vertrauen in die Abwehrmechanismen des eigenen Immunsystems bis hin zum Verstehen und Akzeptieren des Lebens als Dasein in einer ständigen Risikoabwägung.

In einer pluralistischen und in eigenen Werten gefestigten Gesellschaft sind persönliche Gründe in einer kontrovers geführten Diskussion stets und bedingungslos von jeder Seite zu respektieren.
Das ist weniger eine Umgangsform, sondern viel mehr die zwingende Voraussetzung für eine zivilisierte Auseinandersetzung, besonders dann, wenn es um einschneidende Rechtseingriffe für einen selbst und für die Gemeinschaft im Ganzen geht.
Nur dann, wenn alle Meinungen gehört und entlang der eingebrachten Argumente und der Verhältnismäßigkeit ihres jeweiligen Einflusses auf die Grundrechte kritisch geprüft werden – erst dann kann ein gesellschaftlicher Konsens zwischen autonomen Wesen in einem Ökosystem ermöglicht, erreicht und legitimiert werden.

Die Motive der geimpften Menschen und die Motive der ungeimpften Menschen spiegeln zwei Teile derselben Flüssigkeit in kommunizierenden Röhren wider.
Diejenigen, die aus Angst vor einer Erkrankung sich haben impfen lassen verdienen das gleiche Verständnis wie diejenigen, die aufgrund ihrer Bedenken bzgl. möglicher Impfnebenwirkungen eben diese Impfung ablehnen.
Auf beiden Seiten ist die persönliche Risikoabwägung für das eigene Leben und für die eigene Gesundheit ausschlaggebend.
Und so darf keine Seite von der anderen eine Solidarität einfordern oder diese gar voraussetzen – denn die Solidarität verlangt nach Gleichgesinnung, die in diesem Kontext schlicht nicht gegeben ist.

Teil 4 – Die Wirksamkeit und die Sicherheit

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