Gastbeitrag: Gewinner und Verlierer der Corona-Krise

von Maik Drossel am 08.05.2021

Beitragsbild von Ryan McGuire auf pixabay

Das Sterben der Gastronomie

Jede Krise formt ihre Gewinner und ihre Verlierer. „Die Corona-Krise ist eine große Chance. Der Widerstand gegen Veränderung wird in der Krise geringer“, sagte Dr. Wolfgang Schäuble am 20.08.2020 in der Zeitung Neue Westfälische.

Also scheint es bei der Frage nach Verlierern und Gewinnern nur auf die Perspektive anzukommen, denn die Gewinner der Krise sind nicht der Mittelstand, die Gastronomie oder die Kulturbranche – und damit jene, welche vor Ort mit und von ihnen leben.

Die Gewinner sind Franchise-Unternehmen, Lieferdienste, Logistikunternehmen, Onlinehändler, Gaming-Firmen, Unternehmen in der Informationstechnik, Softwareriesen und jene Personen in der Politik, welche sich als ganz besondere Vermittler von Geschäften für jene Utensilien hervorgetan haben, welche in der Pandemie benötigt wurden.

Außerdem sollte sich bei Herrn Schäubles Zitat ohnehin automatisch die Frage stellen, ob denn Veränderungen durch Krisenmanagement erzwungen werden sollen, weil die Mehrheit sich vielleicht nicht von diesen Veränderungen auf anderen kommunikativen Wegen überzeugen lassen möchte!? Und was sagt das über die gewollten Veränderungen an sich aus?

Im Hotel- und Gastgewerbe sind diese großen Chancen für die Be(nach)teiligten jedenfalls noch nicht zu erkennen – im Gegenteil.

Nachdem sich in der Gastronomie viele Akteure mit teuren Hygienekonzepten in Unkosten gestürzt hatten, wurde ihnen direkt danach gesagt, dass sie nun doch ihre Restaurants schließen müssen.

Während sie innerhalb von zweieinhalb Tagen geschlossen wurden, ließen die gepriesenen Novemberhilfen weitaus länger auf sich warten, da das Computerprogramm zur Bearbeitung für die Novemberhilfen vom Bund erst Ende Dezember in Aussicht gestellt wurde.

Ein Umstand, der jeden nachdenklich über die Themen Digitalisierung und Krisenmanagement in Deutschland machen sollte und für alle Beteiligten fast schon ein Hohn sein muss.

Die als Chance gefeierten Veränderungen beginnen mit dem Gastgewerbe nun jene Branche in diesem Land zu zerstören, welche mit 45 Milliarden Euro Bruttoumsatz im Jahr zu der größten Branche in diesem Land gehört, wie eine IW-Köln Studie im Auftrag der DEHOGA 2017 festgestellt hat. Dazu trägt das Gastgewerbe maßgeblich zur Lebensqualität und Standortattraktivität in unserem Land bei – Volkswirtschaft, Arbeitsmarkt, Regionen und die Gesellschaft profitieren von Gastronomie und Hotellerie.

Das Angebot von Lieferdiensten hat in der Krise in allen Belangen zugenommen und während kontaktloses Bestellen einige Läden mit Außerhauslieferungen mit Mühe und Not über Wasser halten, droht jedem fünften Restaurant die Insolvenz.

Während Kneipen und Restaurants schließen, werden diese Lücken von Franchiseketten gefüllt. Laut dem Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e.V. DEHOGA, sank der Umsatz in der Gastronomie 2020 um reale 35,1 Prozent, im Gastgewerbe um 39 Prozent und im Beherbergungsgewerbe sogar um reale 45,1 Prozent.  

Damit wird nicht nur die Existenz von vielen Besitzern und das monatliche  Auskommen ihrer Angestellten zerstört, sondern auch Kultur zu Grabe getragen, da viele kulturelle Aushängeschilder in Form von Gastronomieangeboten, Szenentreffs oder Begegnungsorten einfach verschwinden und so auch nie wieder auftauchen werden.

Das Hamburger Edelrestaurant *Die Bank* ist da nur ein prominentes Beispiel von vielen; erst in die Insolvenz getrieben, dann gezwungen, die Immobilie an das Hamburger Familienunternehmen May & Co zu verkaufen, welches keinen neuen Mietvertrag abschließen wollte, was das Aus für das Restaurant bedeutete.

Das Gastronomiesterben wird sich zudem auch auf die Diskussion um sogenannte Impfprivilegien auswirken. Die notwendige Rettung der Gastronomie wird das Argument sein, um einzig für Geimpfte und negativ Geteste wieder zu öffnen, wie schon Günther Tebben, Geschäftsführer von Getränke Brügging in einem OM-Online Beitrag vom 11.04.2021 gefordert hat.

Damit werden die produzierten Verlierer einer politischen Krise zu einem Dreh-und Angelpunkt für eine Zweiklassenbehandlung, denn es geht schlicht um ihre Existenz. Damit wird eine Spaltung der Bevölkerung an das Überleben eines Gewerbes gebunden und vermutlich sogar erreicht.

Quellen:

Gewinner der Corona-Krise: Post legt Rekord-Auftakt in 2021 hin – n-tv.de

Jeff Bezos, Colin Huang, Ma Huateng: Das sind die Tech-Gewinner der Corona-Krise – manager magazin (manager-magazin.de)

Corona-Pandemie – Bestellung von Essen nach Hause vor und seit dem Ausbruch in Deutschland 2020 | Statista

Food-Delivery: Daten und Fakten zum aufstrebenden Markt für Lieferdienste | Statista

• Infografik: Corona sorgt für Digtalisierungsschub | Statista

Virus befällt Gastronomie: Bier verdirbt und Kneipen sterben – OM online (om-online.de)

DEHOGA Bundesverband: Umsatz (dehoga-bundesverband.de)

DEHOGA Bundesverband: IW-Köln-Studie zur Bedeutung der Branche (dehoga-bundesverband.de)

Insolvenzen in der Gastronomie: Jedes fünfte Restaurant könnte pleite gehen (faz.net)

„Die Pandemie ist eine große Chance“ – Dr. Wolfgang Schäuble MdB (wolfgang-schaeuble.de)

Corona in München: Gasteig-Gastronomie insolvent – München – SZ.de (sueddeutsche.de)

Franchise Management Award: Retter Mario C. Bauer ausgezeichnet (food-service.de)

Aus für Hamburger Edel-Restaurant „Die Bank“: Es tut weh – Hamburger Abendblatt

Wegen Softwareproblemen: Novemberhilfen erst im Januar? | tagesschau.de

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