Gastbeitrag: Warum Silvester knallen darf (sollte, muss?)

Neujahrsvorsätze der anderen Art von Jule Woll

Für alle die gesund bleiben wollen:

Tut alles um nicht im verordneten Gefühlsstau zu ersticken.
Die Verunsicherung, die Verbote und die moralische Überbewertung jeder inneren Regung, verkappen all das, was uns befähigt gut zu handeln und zu entscheiden.

Ein Gefühl ist kein Verbrechen

Ein Gefühl ist kein Verbrechen. Ein Gedanke keine Straftat.
Nutzloses“ Freuen, Feiern, Trauern, Schreien ist nicht sinnlos.

Dumme Kommentare, einfache Gedanken und Impulse sind keine generelle Beleidigung oder Angriff.

Schuld und Scham, Verzeihen und Vergeben

Schuld und Scham sind Korrektive und kein Eigenschaften.
Verzeihen und Vergeben sind ebenso heilsam, wenn man sich zuvor ein paar Minuten Hass und Selbstmitleid gegönnt hat.
All dies muss für die Handlungs- und Verhaltensebene zunächst gefühlt werden dürfen, um dann in aller Ambivalenz doch zu einer konsistenten Handlung zu führen.

Widersprüchliche Gefühle sind normal und gut, auch wenn sie schmerzen können.
Der Versuch schlechte, böse Gefühle auszuschalten hat einen entscheidenden Nachteil: es gibt nur einen Schalter und der knipst die guten gleich mit aus.

Unser gutes Recht: Autonomie

Gegenüber vielem sind wir absolut machtlos und ohnmächtig, aber was unser Innenleben betrifft, sind wir es nicht.
Autonomie ist kein Prozess der mir zugestanden wird, sondern einer den ich mir selbst erlaube.

Dies ist keine Aufforderung jeden Impuls ungefiltert seiner Umwelt vor die Füße zu werfen oder auszuagieren, aber für Kontrolle auf der Verhaltensebene muss ich wissen, was in mir ist.

Tabuisierung normaler Gefühle macht krank

Der aktuelle gesellschaftliche Trend, das Hineinregieren und Agitieren in das Innerste, die Kategorisierung von Identität und Sein, die moralische Tabuisierung von normalen Empfindungen sowie die völlige Entgrenzung und Entfremdung von sich selbst, macht krank und zerstört Bindung und Empathie.

Für alles gibt es (laut diesem Trend?) eine Schablone, einen vorgefertigten Umgang, ein unterstelltes Gefühl und ein sekundär, nicht durch Erfahrung, erworbenes Wissen.

Macht Fehler!

Also macht Erfahrungen, macht Fehler, lasst euch nichts schon prophylaktisch verbieten, hegt eure Empfindungen wie einen Schatz, aber zementiert sie nicht und trägt sie nicht wie eine Monstranz vor euch her.

Silvester ist für mich immer ein Feiertag gegen den Gefühlsstau gewesen.

Nach der weihnachtlichen Eingebundenheit in ein großes Ganzes aus Familie, Gott, Menschwerdung, kommt Silvester mit seinem Krach, Musik, Freude und an der Schnittstelle von Altem, Neuen, in aller gelebter Oberflächlichkeit genau recht. Es ist irgendwie archaisch und befreiend.

Im (inneren) Ausbruch nach allen Seiten liegt am Ende Balance und Stabilität.
Darum allen einen Guten Rutsch und tausend widersprüchliche Gefühle in einer irren Welt.
Sie wollen gefühlt und gelebt werden, nur so bleibt man gesund und lebendig.
Atmet frei und bleibt bei euch.

Bild von Patty Jansen auf Pixabay

Ein Gedanke zu „Gastbeitrag: Warum Silvester knallen darf (sollte, muss?)“

  1. ich stimme zu auch wenn’s für mich und andere Traumapatienten (PTBS) ein echter Albtraum ist da kommen bei jedem Knall hässliche Erinnerungen hoch und viele von uns dann extrem gereizt werden

    Gruß Julian/Shadow

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.