Twitter-Fund: Politik zu kinderfeindlich

Beitragsbild von Greyerbaby

von @zebragrün (Tweet-Texte von mir ent-gendert und lesbar gemacht)

„Corona und die Situation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Persönlicher Erfahrungsbericht ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Eingebunden bin ich u.a. in die akute Krisen- und Notfallversorgung. Steht ein RTW vor der Tür, müssen wir behandeln und intervenieren.

Einige haben es ja noch mitbekommen: bei uns nahmen die Notfälle und Krisen ab November deutlich zu. In einem Maß, das selbst erfahrene Kollegen bis dato nicht kannten. Nicht nur in meiner Klinik, auch Kollegen aus  anderen Kliniken haben vergleichbares berichtet.

Wie auch in den vielen Medienberichten nahmen auch bei uns bestimmte Krankheitsbilder zu und die betroffenen Patienten waren und sind jünger, als wir das üblicherweise kennen.

Was unsere Arbeit bis heute erschwert: 

Vieles, was normalerweise hilfreich ist für Intervention und Unterstützung, können wir aktuell nicht nutzen. Dem Jugendamt fehlt Personal für Familienhilfen – und aus dem Home Office heraus ist die Versorgung schlechter.

Im Alltag fehlen stützende Strukturen.

Freizeitaktivitäten sind normalerweise integraler Bestandteil therapeutischer Interventionen. Auf diese konnten wir kaum zurück greifen.

Wir haben als Team in den letzten Monaten viele Kinder, Jugendliche und Familien stabilisieren können. Mit wenigen Mitteln.

Wir können aber bis dato nicht die Regelversorgung anbieten, die wir vorher anbieten konnten. Wir bemühen uns, ein Mindestmaß der Versorgung aufrecht zu erhalten. Die Notfallversorgung, die wir als Versorger-Klinik leisten müssen, steht jedoch im Vordergrund. 

Die Notfälle haben etwas abgenommen. Wir sehen weiterhin viele Patienten in akuten Krisen.

Anbindung an psychotherapeutische Praxen ist aktuell kaum möglich. Die haben hier im Umkreis zum Großteil die Wartelisten geschlossen.

Die Diskussion um Triage hab ich verfolgt und verstehe beide Seiten. Die Pädiater als Zubringer sehen ihre nicht versorgten Patienten mit hauptsächlich psychischen Symptomen. Den Kliniken ist es wichtig, das Signal zu setzen, dass Versorgung stattfindet.

Und das tut sie. Ich kann für mein Team sagen, dass die in den letzten Monaten eine wahnsinnige Arbeit geleistet haben. Weit über das normale Engagement hinaus. Neben eigenen privaten Belastungen.

Es wurde und wird sehr viel aufgefangen. Das geschieht aber nicht ohne Folgen.

Es gab unter den Kollegen Kündigungen. Weil sie nicht mehr können.

Ich hab selbst in den letzten Monaten sehr oft meine eigenen Grenzen erreicht. Viel mehr Fälle gedanklich mit heim genommen, als üblich. Weil so viel mehr heftige Fälle aufgetreten sind.

Auf meinem Schreibtisch liegt ein Haufen ungeschriebener Arztbriefe und ToDos, die immer wieder aufgeschoben werden müssen, wenn ein akuter Krisenpatient auftaucht.

Ich hatte zwischendrin Ohrensausen. Urlaub, in dem ich kaum von Sofa hoch kam.

Vielen sozialen Kontakten schaffe ich gerade nicht, zu antworten, weil ich nach der Arbeit oft keine tiefgehenden Gespräche mehr packe und dann bleibt die WhatsApp über Wochen ungelesen.

Für den nächsten Herbst haben wir bereits einen Notfallplan. Um besser vorbereitet zu sein. Auf Entwarnung und Entlastung hoffen wir gerade nicht.

Zu kinderfeindlich erleben wir die aktuelle Politik. 

Im Fokus steht momentan: gute Krisenversorgung ohne Burnout im Personal.

„Glaubst du wirklich, es liegt an den Schulschließungen?“ werde ich gefragt, wenn ich ein wenig erzähle.

Ich hab keine Erhebungen dazu gemacht, natürlich kann ich das nicht ausführlich beantworten.

Aber sie haben definitiv einen erheblichen Anteil am Leid.

Aber auch die offenen Schulen sind nicht schön. Abstand/Maske/Regeln/Angst/Unsicherheit/Sorge vor sitzen bleiben etc zehren an den Nerven der Kinder und Jugendlichen. Von der gestiegenen Gewalt sehen wir wahrscheinlich gerade die Spitze des Eisbergs.

Was mich in April 2020 hat aktiv für die Kinder brauchen Kinder Petition hat werden lassen und bis heute entsetzt: wie irrelevant offensichtlich die Rechte und der Schutz von Kindern und Jugendlichen sind.

Die halten das schon aus, scheint die Devise.

Ich muss euch sagen – und ich bin müde dabei: nein, viele tun es nicht.

Und es ist eigentlich schon 5 nach 12, was notwendige Interventionen und Vorsorgen angeht.

Die Schäden sind bereits geschehen.

Ich erzähle hier bewusst nicht von Fällen. Auch, wenn der Impuls tw. stark ist. Aber ich finde es in der Rolle als Therapeutin unethisch, über Falldarstellungen Entsetzen und Emotionen hervorzurufen.

Momentan gerät das Thema ENDLICH in den Fokus.

Hoffentlich mit Konsequenz.

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